Ahmed

Im Café Kotti in Berlin hört man alle Sprachen der Welt, beinahe. Als Paul und Ahmed sich treffen, läuft iranische Musik aus den Boxen, am Nebentisch reden zwei junge Männer auf russisch, der Kellner spricht Farsi, ein Mann fragt auf Englisch nach Zigaretten. Paul und Ahmed sind alte Bekannte, sie kennen sich schon seit einem Jahr. Paul bestellt Cay, Ahmed Bier. Sie reden über die wichtigen Dinge im Leben, Ahmed sagt:

Manchmal fühle ich mich wie ein alter Mann. Wenn ich mit Jungs in meinem Alter zusammen sitze, dann verstehe ich sie nicht – und sie verstehen mich nicht. Ihre Art zu leben: Die habe ich schon als Jugendlicher abgehakt.

Mit zwölf habe ich das erste Mal Kautabak probiert, mit 16 habe ich mir ein Tattoo stechen lassen und mit 17 bin ich aus dem Iran nach Deutschland geflohen. Mir kommt es vor, als wäre ich schon viel älter als 18.
Jetzt arbeite ich hier in Berlin – und ich möchte mir ein neues Tattoo stechen lassen: Ein verbrennendes Blatt Papier. Darauf steht ein Text, den ich geschrieben habe. Er handelt vom ständigen Warten. Die Aussage: Wir denken immer nur an morgen – und vergessen den Moment.

Mein erstes Tattoo ist ein englischer Spruch: „Poor me, the choice is you.“ Den Spruch habe ich mir wegen eines Mädchens auf meine Schultern tätowieren lassen. Sie und ich, wir haben uns in einem Sprachkurs kennengelernt, ich war sofort in sie verknallt. Aber im Iran ist es nicht so leicht, mit einem Mädchen zusammen zu kommen. Sie hat in dieser Zeit nie gemerkt, dass ich in sie verliebt war. Erst Jahre nach dem Kurs hat sie mich in einem sozialen Netzwerk angeschrieben. Sie hat mir erzählt, dass auch sie in mich verliebt war. Vier Monate waren wir daraufhin ein Paar – bis ich den Iran verlassen habe, um nach Deutschland zu kommen. Ich konnte dort nicht bleiben, auch nicht wegen ihr. Sie ist jetzt verheiratet, wir schreiben uns ab und zu. Hier fehlen mir oft Menschen, die mich verstehen – die so denken, wie ich.

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