Mursal

Mursal und Wiebke treffen sich im Bürgerpark in Steinhagen. Eine Entenfamilie zieht ihre Kreise durch das Teichwasser, weiter entfernt sitzt eine Gruppe junger Männer auf Holzbänken. Wiebke kennt Mursal seit der Adventszeit. Gemeinsam haben sie in einem Altenheim Weihnachtsgeschichten vorgelesen und die älteren Menschen zum Lachen gebracht. Auch Mursal lacht viel während des Gesprächs, doch manche Dinge machen sie auch nachdenklich. Mursal erzählt

Alle meine guten Freunde sind Christen. Für mich sind die Menschen wichtig
und nicht die Religion. Für mich macht zum Beispiel auch Weihnachten Sinn,
denn unser Prophet hat auch Geburtstag. Gott hat die Teilung der Menschen
auch nicht gewollt, das haben wir selbst gemacht. Als der Prophet noch lebte,
da gab es auch gar keine Trennung der Gläubigen.

In Afghanistan musste ich immer ein Kopftuch und lange, weite Kleider tragen,
aber jetzt mache ich das nicht mehr. Gott erwartet das nicht von mir, er braucht
meine Herzensgüte, das ist viel wichtiger. Und ich finde, dass jeder so leben
darf, wie er möchte. In meiner Klasse haben wir viele
unterschiedliche Meinungen zum Islam. Manche Mädchen finden es nicht gut,
wenn man kein Kopftuch trägt. Aber hier machen es viele eigentlich auch falsch:
Sie tragen zum Beispiel nur ein Kopftuch und keine weiten Kleider. Wenn dir ein
Mann etwas Schlimmes will, dann macht er das ja nicht mit deinen Haaren.
Deinen Körper sehen sie trotzdem.

In Afghanistan haben Mädchen nicht so viel Bedeutung wie Männer. Dort
musste ich, wenn ich mit dem Bus fahren wollte, auch immer schauen, dass ich
nie alleine auf einem Sitz sitze. Entweder habe ich mich neben eine andere Frau
gesetzt oder ich musste für beide Plätze bezahlen. Denn ein fremder Mann
neben mir, das geht nicht. Die sind sehr aufdringlich und sprechen dich an, da
hatte ich Angst. In Deutschland kann ich zum Glück im Stehen Bus fahren und
es gibt fast immer freie Plätze. Hier kann ich auch alleine einkaufen gehen, für
mich sein oder Freunde besuchen. Hier im Ort kenne ich auch viele Menschen,
die ich grüße, das ist schön. Hier habe ich nicht so viel Angst.

Als die Sonne langsam untergeht und es kälter wird, machen sich Mursal und
Wiebke auf den Weg nach Hause. Mursal möchte sich noch ein bisschen auf den
Deutschunterricht vorbereiten und Wiebke denkt über ihr Zuhause nach und
welches Glück sie hat, hier geboren worden zu sein.

Aufgeschrieben von Wiebke

Anmerkung der Redaktion: Mursal wollte ihr Foto nicht im Internet sehen. Deshalb haben wir ein Symbolbild eingestellt.

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