Nashwa

Der Winter lässt die Tage früh dunkel werden. Paul und Nashwa treffen sich in der Pony-Bar auf dem Campus der Uni Hamburg. Studierende sitzen auf alten Sofas und trinken Kaffee oder Bier. Aus den Boxen läuft elektronische Musik. Kennen gelernt haben sie sich ein paar Wochen vorher in Berlin über eine gemeinsame Freundin – jetzt haben beide hier angefangen zu studieren. Nashwa hatte noch ein Seminar am Nachmittag, jetzt stoßen sie mit einem Hellen an. Nashwa sagt:

„Heute in der Mensa hat mich ein älterer Mann beim Aufstehen angesprochen. Er fragte mich, ob ich etwas zum Überziehen brauche. Ich war irritiert und habe geantwortet: ‚Nein, ich habe doch hier meine Jacken.‘ Im ersten Moment habe ich nicht verstanden, was das sollte. Dann ist mir klar geworden: Das war sexistisch. Ich hatte nur ein dünnes Top an, das viel Haut zeigte. Das hat dem Mann anscheinend nicht gefallen.

 

Ich finde: Der Körper von anderen Menschen geht niemanden etwas an. Es ist meine Sache, wie ich mich anziehe, wie ich aussehe – darüber sollte niemand außer mir bestimmen.

 

Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich bei einer Gastfamilie in Potsdam gewohnt. Dort war es völlig normal zum Beispiel nach dem Duschen nur in Unterhose durchs Haus zu laufen. Und überhaupt haben die Menschen im Osten eine andere Beziehung zu, wie nennt ihr das: Frei-körper-kultur? Ich finde es gut, dass es dort normal ist, nackt im See zu schwimmen. Körper ist etwas völlig Normales. Wir alle haben einen Hintern, Brüste und einen Bauch. Diese restriktive Kultur, Körper zu verstecken, halte ich für falsch. Wie in den USA führt das doch nur dazu, dass wir ein verzerrtes Bild von Körpern bekommen. Alle Frauen müssen am Ende eine Cola-Flaschen-Figur haben und die Männer aussehen, wie Brad Pitt.

 

Ich wollte auch aus Syrien weg, weil die Gesellschaft dort sehr einschränkend sein kann. Haut zeigen in der Öffentlichkeit? Das geht gar nicht. Ich dachte immer, im Westen ist alles freier. Ich glaube, viele kommen mit dieser Illusion hier her und werden dann oft enttäuscht. Hier in Deutschland habe ich gemerkt: Auch diese Gesellschaft hat ihre Grenzen und ist diskriminierend. Auch Deutschland wird doch vor allem noch von Männern dominiert.

Aufgeschrieben von Paul

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