Wafa


Wafa und David treffen sich an der Außenalster. Das Wasser schimmert in der Abendsonne. Jogger, Radfahrer und Pärchen mit Eiscreme in der Hand ziehen ans ihnen vorbei. David kennt Wafa seit April. Bei einem Dialogabend im WhyNot Café haben sie sich kennengelernt. Seitdem sehen sie sich regelmäßig. Lange Aufwärmphasen brauchen sie nie – es geht direkt um die großen Fragen des Lebens. Wafa erzählt:

„Mein Job bei der Arbeitsgemeinschaft selbständiger Migranten erfüllt mich sehr. Hier habe ich das Gefühl, dass ich Menschen wirklich weiterhelfen kann. Ausbildungs- und Praktikumsstellen suchen, Netzwerke aufbauen, Verträge aushandeln, Jugendliche mit hiesigen Unternehmen zusammenbringen – das sind handfeste Sachen, die Menschen eine Zukunft ermöglichen.

Einen hohen Anspruch an sich zu haben und seine Arbeit wirklich gut zu machen, ist nicht einfach. Ich bin ehrgeizig und will alles wissen, das kann anstrengend sein. Aber warten bis mir das Glück in den Schoß fällt? Das kann ich nicht.
Zugegeben, solch ein Anspruch geht an die Substanz. An manchen Abenden steckt mir die Müdigkeit tief in den Knochen, aber es ist nicht nur die körperliche Müdigkeit. Es sind auch die Gedanken über das Leben, das Menschsein und den Umgang miteinander, die mir Energie und Schlaf rauben.

Ich komme aus Afghanistan, einem Land das seit Jahrzehnten von Konflikten zerrissen wird. Hier in Deutschland tritt die ganze Sinnlosigkeit dieser Konflikte schonungslos zu Tage. Bei meiner Arbeit sitze ich oft anderen Afghanen gegenüber, die ich vermeintlich hassen sollte, da sie einer anderen Konfession oder Ethnie zugehören, aus einer anderen Region kommen oder eine andere Hautfarbe haben. All das spielt bei unseren Gesprächen aber keine Rolle. Es geht vielmehr um persönliche, praktische, ja, um lebenswichtige Dinge: Ausbildungsplätze, Praktika, Berufsperspektiven. In diesen Situationen sitzen wir uns als Menschen gegenüber – nicht als Repräsentanten von Konfliktparteien.

Nach solchen Begegnungen denke ich oft über die Gesellschaft nach und werde dabei wütend und traurig. Wie kann es sein, dass machtgierige und skrupellose Politiker es schaffen, dass sich Menschen auf den Tod hassen ohne jemals ein Wort miteinander gewechselt zu haben? So viel Potenzial, so viel Kreativität, so viel Entfaltung bleibt dieser Welt verwehrt. Man redet den Menschen ein, sich aufgrund von unterschiedlichen Meinungen zu Politik und Religion zu hassen. Das ist absurd!

Wir müssen endlich lernen, uns davon frei zu machen. Ich sage nicht, dass die Vergangenheit ignoriert werden soll. Geschichte, Konflikte und Meinungsunterschiede müssen verhandelt und diskutiert werden, doch das sollte uns niemals daran hindern, uns als Menschen kennenzulernen.“

Aufgeschrieben von David

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